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01

Feb.

Der Faire Handel muss wachsen!

Aus: MISEREOR Broschüre „Solidarität ist TATsache – Zeitansage nach 50 Jahre Fairer Handel“

Der Faire Handel wächst – und das seit Jahren. 2019 war das erfolgreichste Jahr in der Geschichte von TransFair e.V. (Fairtrade Deutschland). Mit einem Plus von 26 Prozent konnten Fairtrade-Produkte erstmals die Umsatzgrenze von zwei Milliarden Euro knacken und 38 Millionen Euro Prämiengelder für Produzent*innen und Beschäftigte im globalen Süden generieren. Trotzdem ist nachhaltiger Konsum noch immer eher die Ausnahme und nicht die Regel. Wie schaffen wir es, Produkte des Fairen Handels stärker in den Alltag zu integrieren?

Noch nie war fairer Konsum so einfach wie heute: Weltläden, Bio- oder Supermärkte, Discounter, selbst Universitätsmensen, Kantinen großer Unternehmen, Schulkioske und Bäckereiketten bieten fair gehandelte Produkte an – viele mit dem Fairtrade-Siegel. Dass mehr als 80 Prozent der Verbraucher*innen in Deutschland das grün-blaue Siegel kennen, ist vor allem dem Einzug fairer Produkte in den herkömmlichen Handel zu verdanken. Supermärkte und Discounter haben in den vergangenen Jahren ihr Sortiment um faire Produkte ergänzt und stellen selbst ihre Eigenmarken auf fair gehandelte Rohstoffe um. Sie tragen massiv zum Erfolg des Fairen Handels bei. So konnte beispielsweise der Marktanteil von fair gehandeltem Kakao in den letzten fünf Jahren von einem auf 15 Prozent gesteigert werden. Auch die Absätze von Fairtrade-Kaffee oder -Bananen steigen seit Jahren, sodass heute mehr Menschen von Fairtrade profitieren als je zuvor: 1,7 Millionen Produzent*innen und Beschäftigte in 75 Ländern.

Jede*r zweite Bundesbürger*in lebt in einer Fairtrade-Town

Neben den Absatzmärkten wächst das ehrenamtliche Engagement in Deutschland: Im Rahmen der Fairtrade-Towns-Kampagne setzen sich knapp 700 Städte für Menschen im Globalen Süden ein. Das bedeutet, dass mittlerweile jede*r zweite Bundesbürger*in einer Fairtrade-Stadt lebt. Zudem haben viele Schulen und Universitäten Fairen Handel und nachhaltigen Konsum auf die Lehrpläne gesetzt. Bundesweit engagieren sich rund 720 Fairtrade-Schools und 30 Fairtrade-Universities mit Aktionswochen, Podiumsdiskussionen und Workshops.

Land der Dichter*innen, Denker*innen und Sparfüchse

Ein solcher wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Erfolg ist im Land der Dichter*innen, Denker*innen und Sparfüchse keine Selbstverständlichkeit. Zwar wollen Verbraucher*innen zunehmend wissen, woher Produkte stammen und unter welchen Bedingungen sie hergestellt werden, sind aber oft nicht bereit, höhere Preise zu bezahlen – viele der guten Vorsätze enden am Kassenband. Noch immer machen faire Produkte am Gesamtumsatz mit Lebensmitteln weniger als ein Prozent aus. Die Handelsketten wissen um die Preissensibilität der Kund*innen und buhlen mit Aktionswochen und Angeboten um die Gunst der „Schnäppchenjäger“. Umso bedeutender war die Ankündigung des Discounters LIDL im vergangenen Jahr, künftig ausschließlich Fairtrade-Bananen verkaufen zu wollen. Anstatt dem guten Beispiel zu folgen, setzte die Konkurrenz wochenlang auf Sonderaktionen rund um die gelbe Südfrucht. Nach großen Umsatzeinbußen holte LIDL die günstigere Preiseinstiegsbanane schließlich zurück in die Märkte. Wer glaubt, solche Preiskämpfe seien die Ausnahme, täuscht sich: Am Markt herrscht ein enormer Preisdruck, den der Großteil des Handels schonungslos an den Anfang der Lieferkette weitergibt. Während Hersteller und Einzelhandel riesige Gewinne erwirtschaften, leiden Produzent*innen seit Jahren unter Dauertiefpreisen, die kaum die Produktionskosten decken. Allein die globale Kaffeeindustrie erwirtschaftet pro Jahr mehr als 200 Milliarden US-Dollar. Das durchschnittliche Einkommen der Kaffeebäuerinnen und -bauern hat sich in den vergangenen 20 Jahren dagegen nicht verändert – unter Berücksichtigung der gestiegenen Agrarkosten ist es sogar gesunken. Dabei müssten die Preise angesichts der wachsenden Herausforderungen deutlich steigen: Denn Wetterextreme wie Starkregen oder Hitzewellen erschweren den Anbau vieler Produkte; der Klimawandel begünstigt Schädlinge wie den Kaffeerost, der die Ernten bedroht. Ohne finanzielle Rücklagen fehlt vielen Kleinbauernfamilien das Geld für notwendige Investitionen. Vor allem junge Menschen wenden sich von der Landwirtschaft ab und suchen ihr Glück in den Städten, wo sie auf bessere Einkommen hoffen. Hat der Faire Handel etwa trotz Wachstum sein Ziel verfehlt?

Warum der Faire Handel weiterwachsen muss

Dank einer Vielzahl an Kampagnen, Aktionen und der Aufklärungsarbeit der Weltläden weiß der Großteil der Verbraucher*innen heute um die schlechten Produktionsbedingungen im Ursprung – anders als zu Beginn der Fairhandelsbewegung vor 50 Jahren. Auch Hersteller kennen mögliche Risiken in ihren Produktionsstätten. Viele scheuen jedoch die Kosten und Mühen, um Lieferketten fair zu gestalten. Die Tatsache, dass Anbau- und Produktionsbedingungen überhaupt Teil der politischen Debatte sind, ist allerdings ein enormer Erfolg. Der Faire Handel verfehlt somit ganz und gar nicht sein Ziel, im Gegenteil: Eine Reihe von Studien bestätigen, dass er ein großes Potenzial besitzt, um Menschen im globalen Süden eine Existenzgrundlage und damit ein besseres Leben zu ermöglichen. Damit Kooperativen vom Fairen Handel profitieren, müssen sie allerdings mindestens 30 bis 40 Prozent ihrer Waren zu Fairtrade-Bedingungen verkaufen. Obwohl sich viele Fairtrade-Märkte seit Jahren positiv entwickeln, verkaufen zertifizierte Betriebe häufig noch einen zu geringen Anteil ihrer Rohstoffe zu fairen Bedingungen. Um allen Produzierenden und Beschäftigten ein sicheres und selbstbestimmtes Leben ohne Armut zu ermöglichen, muss der Faire Handel dringend weiterwachsen. Nur, wenn die Marktanteile von Kaffee, Bananen, Kakao und Co. steigen, können die Arbeiter*innen und Kleinbäuer*innen in Zukunft von der Landwirtschaft leben. Damit nachhaltiger Konsum wachsen kann, ist die Politik gefragt; etwa durch die Abschaffung der Kaffeesteuer für fair gehandelten Kaffee. Umgerechnet 2,19 Euro pro Kilogramm Kaffee zahlen Verbraucher*innen aktuell – zusätzlich zur Mehrwertsteuer. Eine Steuererleichterung für fair gehandelte Bohnen würde diese preislich attraktiver machen und könnte die Absätze deutlich steigern. Genau solche Anreize braucht der Faire Handel, damit Verbraucher*innen nicht einfach mehr, sondern besser und nachhaltiger konsumieren.

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Deutschland braucht ein Lieferkettengesetz

Unabhängig von einer gezielten Steuerpolitik benötigt Deutschland zudem ein Lieferkettengesetz, das Unternehmen zu mehr Verantwortung und Transparenz entlang der gesamten Lieferkette verpflichtet. Angesichts der Covid-19-Pandemie wäre ein solches Gesetz ein wichtiges Signal: Vielen Produzent*innen sind binnen weniger Wochen Absatzmärkte weggebrochen. Während Hersteller*innen und Händler*innen Aufträge in letzter Minute storniert haben, bleiben Produzent*innen auf ihren Waren sitzen und zahlen die Rechnung für unser unfaires Handelssystem. Mit einem Lieferkettengesetz könnten Unternehmen Verantwortung und Preisdruck nicht mehr so leicht an den Anfang der Lieferkette weitergeben. Das würde Unternehmen stärken, die schon heute freiwillig in bessere Löhne oder eine nachhaltige Produktion investieren und wichtige Pionierarbeit leisten. Außerdem wäre ein Gesetz eine klare Botschaft für den künftigen Richtungskurs der Wirtschaft: Damit es nicht weitere 50 Jahre braucht, bis Fairness zur globalen Normalität wird.

Dieter Overath, Vorstandsvorsitzender von TransFair e.V.

Quelle:MISEREOR Broschüre „Solidarität ist TATsache – Zeitansage nach 50 Jahre Fairer Handel“

Foto: Gundis Jansen-Garz