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20

Aug.

Fairer Handel und Frauenförderung

Kann der Faire Handel zu mehr Geschlechtergerechtigkeit beitragen?

Frauen und Männer sind Kern jeder Gesellschaft, jedoch werden ihnen unterschiedliche Rollen zugewiesen. Es besteht eine Diskrepanz zwischen der Bedeutung der Frauen für die Gesellschaften und ihren Möglichkeiten, diese Gesellschaften zu gestalten und zu verändern. Unumstritten ist auch, dass sich beispielsweise Armut und ihre Folgen nur wirksam bekämpfen lassen, wenn Frauen gestärkt werden. Im Fairen Handel wird dies seit Jahrzehnten erfolgreich praktiziert.

Auch 100 Jahre nach der Einführung des Frauenwahlrechts und der damit verbundenen Forderung, Frauen und Männer ein Stück weit gleichberechtigter zu machen, ist die Situation von Frauen in Gesellschaft, Sport, Politik, Wirtschaft und am Arbeitsplatz leider immer noch alles andere als gleichberechtigt. Doch die Gleichberechtigung der Geschlechter ist eine Voraussetzung für nachhaltige Entwicklung. Wenn es darum geht, globale Herausforderungen wie Armut und Hunger in den Griff zu bekommen, führt kein Weg an den Frau- en vorbei. Es ist einfach, auf börsennotierte „Männerdomänen“ zu zeigen, die katholische Kirche für ihre rückwärtsgewandte Einstellung zu kritisieren oder die Verdienste von Männern und Frauen im Profifußball zu vergleichen - ein Blick in die Weltläden reicht aus, um auch in unserer Fairhandels-Szene zu erkennen, dass es viel mehr Frauen sind, die an der Basis arbeiten und viel mehr Männer, die in Führungspositionen von Weltläden, Fairhandels- und Importorganisationen sitzen. Im Gegenteil dazu machen es uns viele Fairhandels-Partnerorganisationen vor, denn dort nähern wir uns der 50:50-Teilhabe von Männern und Frauen in Leitungsfunktionen an. Im WFTO-Bericht zum Thema „Geschäftsmodelle, die Frauen stärken“ heißt es: „Im Mittelpunkt des Fairen Handels steht die Verpflichtung zur Gleichstellung der Geschlechter und Ablehnung von Diskriminierung. Der Faire Handel versucht Frauen zu stärken, indem er die Defizite angeht, um die sich die Gesetzgebung von Staaten und die von privatwirtschaftlichen Unternehmen nicht ausreichend kümmern. Die Chancen eines Landes auf wirtschaftliches Wachstum werden beschnitten, wenn zu wenig in weibliche Arbeitskräfte investiert wird.“ Der Faire Handel geht beim Thema Geschlechtergerechtigkeit mit gutem Beispiel voran, indem er sicherstellt, dass Frauen auf allen Ebenen gleichberechtigt am Wirtschaftsleben teilhaben. Die zehn Prinzipien des Fairen Handels helfen Frauen dabei.

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Grafik: WFTO

Fairtrade-Standards implizieren Frauenförderung

Neben den in den Fairtrade-Standards verankerten Vorgaben zur Geschlechtergerechtigkeit und dem Verbot von Diskriminierung jeglicher Art hat Fairtrade 2016 zusätzlich eine Gender-Strategie verabschiedet: Mit gezielten Maßnahmen wird die Stärkung von Frauen noch enger an den lokalen Lebensumständen der Produzent*innen ausgerichtet und von Frauen und Männern gemeinsam umgesetzt. Nach aktuellen Schätzungen werden etwa 43 Prozent der landwirtschaftlichen Arbeit weltweit von Frauen geleistet, in sehr armen Ländern bis zu 70 Prozent. Ihre Gestaltungsmöglichkeiten sind jedoch gering, da sie oft kein Land besitzen und ihnen der Zugang zu Krediten, technischer Unterstützung und Informationen fehlt. Frauen leisten oft die Hauptarbeit, besitzen aber wenig Rechte – zum Schaden der gesamten Gemeinschaft. Die UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) schätzt, dass die Zahl der unterernährten Menschen um 100 - 150 Millionen reduziert werden könnte, wenn die Ungleichheit der Geschlechter im Agrarsektor beseitigt würde. Ein Beispiel, wie gezielt Frauen und Männerförderung zur Geschlechtergerechtigkeit funktionieren kann, ist die „Women’s School of Leadership“, ein innovatives Fairtrade-Programm zur Stärkung von Frauen. Nachdem das Produzent*innennetzwerk in Lateinamerika seit mehreren Jahren sehr gute Erfahrungen mit diesem Programm macht, haben auch die Netzwerke in Afrika und Asien nun begonnen, es in einzelnen Ländern umzusetzen. In verschiedenen Trainings erwerben Frauen und Männer Kompetenzen in den Bereichen Finanzen, Verhandlung und Entscheidungsfindung. Sie werden für Gleichstellung sensibilisiert und ihr Selbstbewusstsein wird gestärkt.

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Grafik: WFTO

Die WFTO setzt gezielt auf Frauenförderung

In den Standards der World Fair Trade Organization (WFTO) heißt es: „Fairer Handel bedeutet, dass die Arbeit von Frauen entsprechend gewürdigt und vergütet wird. Frauen werden für ihren Beitrag im Produktionsprozess entlohnt und in ihren Organisationen gestärkt (‚empowered‘).“ Deshalb gibt es auch immer mehr Frauen, die in Leitungspositionen aufsteigen oder als Mitglieder in Mitbestimmungsgremien der Kooperativen gewählt werden. So wie Shirin Awawda Hadas Lahav, CEO bei Sindyanna/aliläa: „Ich weiß, dass meine Arbeit in Sindyanna nicht nur mich, sondern auch die meiner Töchter beeinflusst hat. Sie werden mehr Möglichkeiten haben, zu studieren, die Welt zu sehen und sich zu entwickeln. Ich werde nie zustimmen, dass sie mit 18 Jahren heiraten werden, wie ich es getan habe. Ich werde dafür sorgen, dass sie ihr Leben als unabhängige Frauen leben.“ Nicole-Marie Iresch, Gründerin von Township-Patterns sagt: „Von Anfang an war unser Ansatz, starke Verbindungen zu den Gemeinschaften aufzubauen, eine Brücke, die schließlich dazu führte, dass wir einander vertrauen konnten. Dann trainierten wir die Frauen, um sicherzustellen, dass sie die Fähigkeiten haben, die Verantwortung für die Führung ihres Unternehmens zu übernehmen.“

Wie sieht es mit der Frauenförderung im Fairen Handel in Deutschland aus?

Schaut man sich die Frauen-Männer-Quote in Weltläden und Fairhandels- Organisationen an, fällt auf, dass die Situation hierzulande deutlich schlechter ist als in vielen Kooperativen. Geht es hier in erster Linie um Fragen wie „Wer setzt sich unbezahlt oder bezahlt für Fairen Handel ein?" oder "Mit welchem Prestige sind die Tätigkeiten verbunden?“. In Weltläden sind nach wie vor zum größten Teil Frauen aktiv, meist ehrenamtlich. Bei genauerer Betrachtung der Beschäftigtenstruktur wird jedoch deutlich, dass der Männeranteil in den höheren Hierarchieebe- nen anwächst, sowohl im Ehrenamt als auch in bezahlten Positionen. Männer sind in Weltläden und Fairhandels-Organisationen meist im Bereich der Finanzen, der Buchführung oder dem Vereinsrecht tätig. Das entspricht der allgemeinen Situation in ehrenamtlich geführten Vereinen und Verbänden. Aber auch die Geschäftsführung von GEPA, El Puente und weltpartner ist weiterhin ausschließlich mit Männern besetzt (s. Kasten). Aber müssten hier nicht – genauso wie bei den Produzentenorganisationen – die gleichen Maßstäbe ansetzen? Für eine gleichberechtigte Gemeinschaft sind aber Bemühungen sowohl auf der wirtschaftlichen als auch auf der politischen und gesellschaftlichen Ebene notwendig. Um die Bedeutung der Geschlechtergerechtigkeit im Fairen Handel zu beleuchten, befasst sich die diesjährige Faire Woche vom 13. bis 7. September schwerpunktmäßig mit diesem Thema.

Gundis Jansen-Garz; aus Welt&Handel Nr. 5-2019

Am 1. Juli tritt der neue Kleinbauernstandard in Kraft. Die im Standard enthaltene neue Gender-Regel ist allerdings erst ab dem 1. April 2021 gültig. Er räumt den Kooperativen Zeit zur Implementierung der Gender-Strategie ein. Darin heißt es: „Die Kooperativen entwickeln eine eigene Gender-Strategie, die sie anschließend auch umsetzen. Sie sorgen dafür, dass ihre Mitglieder die Strategie und ihren Inhalt kennen. Sie stellen sicher, dass Frauen an der Erarbeitung und Umsetzung der Strategie beteiligt sind.“ Passend zur Fairen Woche wird die Fairtrade-Gender-Studie veröffentlicht. Die Studie analysiert, wie sich Fairtrade durch seine Standards, Strategien und Programme auf die Geschlechtergerechtigkeit auswirkt und inwiefern die Kleinbäuerinnen und -bauern, die Arbeiter*innen sowie ihre Dorfgemeinschaften davon profitieren. Wichtig dabei ist, dass die Studie ausschließlich für das Fairtrade-System gilt und nicht auf den gesamten Fairen Handel übertragbar ist.

Mitarbeiter*innen der Importorganisationen:

Die GEPA beschäftigt 170 Menschen, davon 70 Männer und 100 Frauen. Beide Geschäftsführer sind männlich, von 16 Abteilungs- und Gruppenleiter*innen sind sechs Männer und zehn Frauen. In der Gesellschafterversammlung sind ausschließlich Männer (5) vertreten.

Bei WeltPartner arbeiten insgesamt 22 Frauen und 27 Männer. Als Abteilungsleiter*innen arbeiten vier Männer und eine Frau.

Auch El Puente zählt mehr Männer als Frauen in Führungspositionen. Von 33 Mitarbeiter*innen sind 16 Männer (zwei davon in Teilzeit) und 17 Frauen (sieben in Teilzeit); die fünf Abteilungsleiterpositionen sind von vier Männern und einer Frau besetzt, die Geschäftsführung von zwei Männern.

Titelfoto: Gundis Jansen-Garz