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17

Dez.

Im Einsatz gegen Kinderarbeit

Interview mit Wilhelm Wölting

Wilhelm Wöltings Geschichte mit MISEREOR begann 1974, als er an seiner Schule eine Spendenaktion durchführte. Er ist über die Jahre zu einem Experten im Kampf gegen ausbeuterische Kinderarbeit geworden.

Gundis Jansen-Garz hat ihn für die MISEREOR Broschüre „Solidarität ist TATsache – Zeitansage nach 50 Jahre Fairer Handel“ interviewt!

MISEREOR: Welche Unterschiede machen Sie bei arbeitenden Kindern? Sollte man Kinderarbeit generell verbieten?

Wölting: Es gibt große Unterschiede bei arbeitenden Kindern. Die einen helfen im elterlichen Haushalt oder im elterlichen Betrieb, fühlen sich dabei nicht überfordert und besuchen selbstverständlich die Schule. Die anderen haben diese Möglichkeit leider nicht. Sie sind zu arm. Sie schuften von morgens bis abends, um zu überleben. Das Tragische an dieser ausbeuterischen Kinderarbeit besteht darin, dass die Kinder wegen ihrer Arbeit keine Schule besuchen können. Sie bleiben Analphabeten, werden von anderen oft skrupellos ausgenutzt und können wohl niemals aus eigener Kraft den Teufelskreis der Armut durchbrechen. Kinder in der Schmuckindustrie oder in Steinbrüchen arbeiten, um ihre Eltern zu unterstützen, weil der Lohn ihrer Eltern zum Lebensunterhalt nicht ausreicht. Wenn Herr Entwicklungsminister Dr. Müller am Internationalen Tag gegen Kinderarbeit im Jahr 2020 darauf hinweist, dass eine Textilarbeiterin in Bangladesch zurzeit einen Stundenlohn von 25 Cent erhält, kann jeder sich vorstellen, dass von ihrem Verdienst keine Familie leben kann. Die Eltern sind daher oft auf die Mitarbeit ihrer Kinder angewiesen, weil sie sonst als Familie nicht überleben können. Es gibt aber auch Kinder, die ich kennen lernen durfte, die Teppiche knüpfen mussten. Sie arbeiteten, damit der Knüpfstuhlbesitzer noch reicher wurde. Sie wurden wie Sklaven behandelt, schliefen nachts auf dem Boden in der Werkstatt, erhielten für ihre Arbeit kein Geld, sondern als Lohn täglich eine Tasse Reis, damit sie nicht verhungerten und nicht vor Hunger bei der Arbeit einschliefen. Gott sei Dank wurden diese Kinder von Polizisten und Sozialarbeitern aus ihrer misslichen Lage befreit und einem Übergangsheim für aus der Sklaverei befreite Jungen übergeben. Wenn wir gegen ausbeuterische Kinderarbeit kämpfen, müssen wir zugleich dafür sorgen, dass die Eltern für ihre Arbeit einen fairen Lohn erhalten, von dem sie leben und auch das Schulgeld für ihre Kinder bezahlen können.

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MISEREOR: Die Problematik ist seit vielen Jahren bekannt. Warum ist es so schwierig, konsequent dagegen vorzugehen?

Wölting: Es ist deshalb so schwierig, weil viele Unternehmen von ausbeuterischer Kinderarbeit profitieren. Ihre Lobbyisten versuchen, Gesetze zu verhindern oder in ihrem Sinn zu entschärfen, und sie selbst versuchen oft, durch Sub-Sub-Unternehmen staatliche Kontrollen zu erschweren. Es ist leider die Gier mancher Menschen, die Gier, den eigenen Profit möglichst in die Höhe zu treiben. Das geschieht meistens auf Kosten anderer, in diesem Fall auf Kosten der Kinder. Sie sind als Arbeiterin, als Arbeiter pflegeleicht, haben keine Ansprüche zu stellen, haben zu gehorchen und müssen mit dem zufrieden sein, was man ihnen gibt. Sie sind billiger als erwachsene Arbeiter und garantieren dem Arbeitgeber einen hohen Profit.

MISEREOR: Welche Ansätze wirken gegen Kinderarbeit? Was kann ein Unternehmen konkret tun, um Kinderarbeit zu verhindern?

Wölting: Es geht um Fairness. Wenn ich als Unternehmerin, als Unternehmer nicht will, dass in meinen Produkten Kinderarbeit steckt, muss ich das kontrollieren oder kontrollieren lassen und zwar auch unangemeldet. Denn wenn der Steinbruchbesitzer oder der Knüpfstuhlbesitzer weiß, dass ein Besuch oder eine Kontrolle bevorsteht, dann wird an dem Tag kein Kind im Steinbruch oder an den Knüpfstühlen zu finden sein. Zugleich muss ich als Unternehmerin, als Unternehmer, und da muss ich mich leider wiederholen, dafür sorgen, dass die Eltern dieser Kinder für ihre Arbeit einen fairen Lohn erhalten, von dem sie leben und auch das Schulgeld für ihre Kinder bezahlen können.

MISEREOR: Wie sind die Arbeitsbedingungen für Kinder, die in ausbeuterischen Verhältnissen arbeiten?

Wölting: Wenn 5- bis 6-jährige Kinder stundenlang auf dem Boden vor einem Bunsenbrenner hocken und im Feuerstrahl Glasstränge zu Armreifen zusammenschmelzen, die dann später als Schmuck verkauft werden, dann ist das für die Kinder ein Knochenjob, der zugleich die Gesundheit gefährdet. Denn sie atmen stundenlang die Dämpfe ein und können am Feuerstrahl Verbrennungen erleiden. Vom Spiel mit Gleichaltrigen oder von einem Schulbesuch können sie nur träumen.

MISEREOR: Minister Gerd Müller zeigt sich sehr entschlossen, das Lieferkettengesetz umzusetzen und ist dem Fairen Handel gegenüber sehr aufgeschlossen. Wird das reichen, um endlich Veränderungen herbeizuführen?

Wölting: Wenn das Lieferkettengesetz endlich da ist, wird es ein Segen für viele Menschen sein. Dann wären die Unternehmen verpflichtet, faire Löhne für alle Arbeiterinnen und Arbeiter in ihrer Lieferkette zu zahlen und die Kinderarbeit endlich zu beenden. Dann würde auch die schon erwähnte Textilarbeiterin in Bangladesch einen angemessenen Stundenlohn erhalten und könnte ihre Kinder zur Schule schicken. Doch leider ist das Lieferkettengesetz immer noch nicht verabschiedet.

MISEREOR: Warum dauert das alles so lange? Der von der Bundesregierung bereits 2016 vorgestellte „Nationale Aktionsplan Wirtschaft und Menschenrechte“ hat noch keine Wirkung erreicht, oder?

Wölting: Das liegt daran, dass die Lobbyisten bei uns in vielen Bereichen einen zu großen Einfluss haben. Denn auch wir in Deutschland profitieren von der geringen Entlohnung der Arbeiterinnen und Arbeiter und auch von der Kinderarbeit. Je niedriger die Produktionskosten sind, desto größer kann der Profit ausfallen. Der von der Bundesregierung bereits 2016 vorgestellte „Nationale Aktionsplan Wirtschaft und Menschenrechte“ ist bis heute immer noch nicht umgesetzt worden. Denn das Gesetz, das von den Ministern Müller und Heil ins Kabinett eingebracht werden sollte, ist auf Drängen anderer Kabinettsmitglieder zunächst verschoben worden, jetzt soll es verwässert werden. Leider.

Wir bedanken uns für das Gespräch!

Wilhelm Wölting war Lehrer in Essen und ist bis heute das Gesicht MISEREORs im Ruhrgebiet.

Eine seiner zahllosen Initiativen ist die Gründung der Fairen Metropole Ruhr im Jahr 2000.

Foto: Willi Wölting, privat