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03

Sep.

Ist der Faire Handel nachhaltig?

Über unsere imperialistische Lebensweise und was Fridays for future damit zu tun hat…

Ein Kommentar von Gerd Nickoleit

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Die Frage, ob der Faire Handel nachhaltig ist, ist für mich nur schwer zu beantworten. Aus meiner Sicht ist er nachhaltiger als der „freie“, marktorientierte Handel, aber er ist auch Teil einer Gesellschaft, die insgesamt eine „imperiale Lebensweise“ hat. Das heißt mit den Worten der Professoren Ulrich Brand und Markus Wissen, „dass wir uns unsere Lebensweise nur leisten können, weil wir deren zerstörerische Folgen für Mensch und Natur anderen Ländern und Gesellschaften zumuten. Wir können so die desaströsen Folgen dieser Lebensweise ausblenden. Sie basiert auf Ungleichheit, Macht und Herrschaft sowie mitunter auch auf Gewalt, die sie gleichzeitig auch hervorbringt.“

Deutschland verbraucht mehr Ressourcen, als für uns nachwachsen. Wenn die Welt unsere Lebensgewohnheiten hätte, würden wir drei Erden (s. Global Footprint Network) benötigen. Mit unserem Lebensstil tragen wir zum Klimawandel bei. Am Klimawandel leiden diejenigen, die am wenigsten dazu beitragen am meisten. Der Faire Handel versucht seit fast 50 Jahren mit anderen Prinzipien und einer anderen Praxis zu zeigen, dass ein Handel und eine Lebensweise möglich sind, die ohne Ausbeutung auskommen. Er will „Fair zum Menschen und fair zur Natur“ sein. Die Fair-Handels-Unternehmen machen das mit Erfolg – im Handel mit Produzent*innen und auch in ihrer Arbeit in Deutschland. Sie erfahren dafür viel Anerkennung und werden mit diversen Umwelt- und Nachhaltigkeitspreisen ausgezeichnet. Der Faire Handel kann sich aber auch in Deutschland kaum der imperialen Lebensweise entziehen; er ist eingebunden in ein System, das dieses zerstörerische Wachstum zum Überleben braucht und die Regelungen der Wirtschaft den Marktkräften überlässt.

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Rückblick

Der Faire Handel hat bereits Ende der 70er Jahre mit großem Schwung und viel Resonanz in der Bevölkerung begonnen, Alternativen für den Umgang im Handel mit Partner*innen und der Umwelt aufzuzeigen. Er begann als Teil einer Protestbewegung. Die Motivation war der breite Wunsch nach Gerechtigkeit in ihren Beziehungen zu den „Entwicklungsländern“. Man wollte eine Beziehung auf der Basis von gegenseitigem Respekt und eine Abkehr von dem „kolonialen“ Verhalten des Handels und der „Entwicklungshilfe“. In den frühen Kriterien zur Auswahl der Produzent*innen und Produkte hieß es: man solle die Importe und die Vermarktung so einrichten, dass Produzentengruppen „in Übersee“ zur Eigenständigkeit finden; so wurde es bereits 1977 formuliert. Mit dem Begriff „Eigenständigkeit“ wurde die Vorstellung verbunden, dass die Handelspartner selbstverantwortlich über ihre Entwicklungsschritte entscheiden und damit die für sie wichtigen Ziele verfolgen. Die Kriterien waren eine Art Zielvorstellung, wie wir uns notwendige zukünftige Entwicklungen im Welthandel vorstellten.

Wichtig war auch der Wunsch nach einem verantwortlichen Umgang mit der Umwelt. Alternativ Handeln hieß: wirtschaftlich, sozial und ökologisch so handeln, dass es weder den Kindern, noch dem fernen Nächsten noch der Umwelt schadet. Mit dem Alternativen Handel wollte man beispielhaft zeigen, dass verantwortliches wirtschaftliches Handeln „machbar“ ist. Man wollte Zeichen setzen und öffentlichen Druck auf Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft ausüben. Produkte wie die Jutetasche dienten als Medium. Die Jutetasche ist zu einem Symbol der Partei der Grünen geworden. Das Schlagwort „Jute statt Plastik“ dient bis heute als Kurzformel für die Forderung nach Regeln gegen die Umweltverschmutzung durch Plastikmüll.

Die Jutetasche war auch ein Beispiel für Nachhaltigkeit. Man konnte an ihr den sozial- und umwelt- unschädlichen Lebenszyklus in den vier Phasen eines Produktes demonstrieren

- Bei der Rohstoffgewinnung: Jute ist ein im Inland nachwachsender Rohstoff, der ohne künstlichen
Dünger und schädliche Insektizide angebaut wird.

- Bei der Herstellung: Der Rohstoff wird im Inland zu einem Fertigprodukt sozialverträglich weiterverarbeitet. Er schafft Einkommen für Frauen und verbessert ihren Status in der Gesellschaft

- Bei der Verwendung: Die Tasche hat einen konkreten Nutzen

- Und bei der Müllverwertung: Jute kann kompostiert werden

Auch bei der Einführung von Bio Tee und Bio Kaffee wurde Pionierarbeit geleistet. Es gelang, weil eine engagierte Bewegung sie dabei unterstützt hat und bereit war, die Anfangs-Risiken zu tragen. Es folgte eine weltweite Nachahmung. Die Attribute „Bio und Fair“ sind heute in der Nachhaltigkeitsdebatte nicht mehr wegzudenken.

Die wegweisenden Kriterien und die erfolgreiche Anwendung haben dazu beigetragen, dass der Alternative Handel im Laufe der 80er Jahre zum Fairen Handel mutiert ist. Die Handelspartner wollten mehr Produkte zu besseren Bedingungen verkaufen und der Einzelhandel war interessiert, auch die zunehmende Nachfrage nach fairen Produkten zu bedienen. Es ging nicht nur mehr darum, „Zeichen zu setzen“, sondern den Handel auszuweiten und Handelspartner durch verbesserte Handelsbedingungen beim Export zu unterstützen. Die Ausweitung ist gelungen. Fair gehandelte Produkte kann man jetzt in jedem Supermarkt kaufen.

Mit der Ausweitung des praktischen Handels ging aber auch für die Fair-Handels-Unternehmen der Zwang einher, sich immer stärker den üblichen Marktregeln anzupassen. Marketing ist gefragt. Die fair gehandelten Produkte stehen im Wettbewerb mit den rein kommerziell gehandelten Produkten und die Bereitschaft der meisten Verbraucher, mit einem höheren Preis die sozialen und ökologischen Leistungen des Fairen Handels zu honorieren, sind begrenzt. Der betriebswirtschaftliche Druck, schwarze Zahlen zu produzieren, führt auch bei den Fair-Handels-Unternehmen nicht nur zu den in der Wirtschaft üblichen Maßnahmen der Effizienz- und Umsatzsteigerung, sondern auch zu Kompromissen bei der Einhaltung der Nachhaltigkeits-Kriterien. So sollen Umsatzsteigerungen erreicht werden, z.B. beim Kaffee, indem das Produktangebot ständig auch dort erweitert wird, wo man bereits gut im Markt vertreten ist – obwohl man für jedes neue Produkt eine extra Verpackung braucht.

Wir folgen der selben Wachstumslogik wie die kommerzielle Wirtschaft und den selben Konsumtrends, die durch aufwändige Werbung interessengesteuert initiiert werden.

Was hat der Faire Handel nach fast 50 Jahren bewirkt? Hat er das Denken und die Lebensweise der Menschen in Deutschland beeinflusst? Das Denken vielleicht, aber kaum die Lebensweise. Trotz alternativer Konsumangebote hat sich das Konsumverhalten der meisten Menschen in Deutschland kaum verändert. Es wird mehr Fleisch gegessen, als durch verantwortliche Tierhaltung und ohne importierte Soja-Futtermittel erzeugt werden kann. Es werden weiterhin in großem Stil Ressourcen für Produkte verschwendet, die keinen echten Nutzen haben. Technische Verbesserungen zur Energieeinsparung sind wirkungslos geblieben, da mehr Geräte benutzt werden, mehr geflogen wird und die Autos immer dicker und insgesamt luxuriöser werden.

Nicht nur exotische Lebensmittel, sondern auch solche, die hier wachsen, werden wegen der günstigeren Preise aus südlichen Ländern importiert. Auch wenn im Fairen Handel höhere Preise (Prämien) gezahlt werden, verändert das nicht grundsätzlich das koloniale Verhältnis zwischen den wohlhabenden Konsumenten im Norden und und den abhängigen kleinen Produzenten im Süden. Auf der anderen Seite wird bei uns die industrielle Landwirtschaft subventioniert – zu Lasten verseuchter Böden und der Verringerung der Artenvielfalt. Überschüsse werden exportiert – auch in die armen Länder des Südens; sie verhindern den Aufbau einer eigenen regionalen Landwirtschaft, die die Bevölkerung versorgen kann. Der „freie Welthandel“ verhindert eine regionale Entwicklung im Süden und im Norden. Er fördert die Polarisierung der Gesellschaften in reich und arm, in Besitzende und Nichtbesitzende. So entsteht ein leistungsloses Einkommen für Investoren, die eigene finanzielle Interessen verfolgen.

Ausblick

Wenn wir die Belastung für die Umwelt und für das Klima verringern und die Zukunftschancen für die Menschen im Süden und zukünftige Generationen steigern wollen, genügt es nicht, den Handel mit fair hergestellten Produkten (Rohstoffen) aus dem Süden zu steigern. Wenn wir etwas verändern wollen, dann müssen wir hier unseren Lebensstil grundlegend verändern. Dazu gehört, dass wir unseren Wunsch nach immer mehr Wachstum und immer mehr Komfort hinterfragen und neu definieren müssen. Was für ein Wachstum wollen wir? Inwieweit schädigen wir durch Herstellung und Gebrauch von Produkten die Umwelt? Können wir das Wachstum in der Wirtschaft vom Naturverbrauch entkoppeln? Wir müssen eine Entwicklung in unserer Gesellschaft vorantreiben, die ohne ausbeuterische Hilfsleistungen aus „Billiglohnländern“ auskommt. Wir brauchen eine Politik, die dafür einen verantwortlichen Rahmen setzt. Es reicht nicht, dass die politischen Entscheidungsträger die Verantwortung für den Raubbau an Ressourcen und die Einhaltung von elementaren Menschenrechten an die privaten Konsumenten delegiert.

Die ungezügelte Globalisierung mit der weltweiten Arbeitsteilung in starke und schwache Marktteilnehmer ist eine Fehlentwicklung, die es zu korrigieren gilt. Dafür müssen wir alle Kräfte bündeln, die sich der Umsetzung der UN-Nachhaltigkeitskriterien verpflichtet fühlen. Es gibt immer mehr Menschen, die eine andere Wirtschaft fordern und sich für eine Produktion und einen Handel einsetzen, die in erster Linie den Menschen dienen. Sie geben der Einhaltung der Menschenrechte, dem Aufbau demokratischer Strukturen und dem Umweltschutz den Vorrang vor den wirtschaftlichen Interessen der Shareholder. Sie ziehen Konsequenzen für den eigenen Lebensstil. Dazu gehören die Mitarbeiter*innen in den Welt- und Bioläden, in der Solidarischen Landwirtschaft und die Menschen, die ihr Geld gezielt für soziale und ökologisch sinnvolle Projekte anlegen und viele andere mehr.

Die Dringlichkeit von grundlegenden Veränderungen in unserem Verhalten führt uns jetzt die weltweite Schüler-Bewegung „Fridays for future“ vor. Sie gehen für ihre Zukunft auf die Straße. Sie sind unsere Verbündeten. Für neue Impulse und eventuell einen Neuanfang brauchen wir auch ihre Kompromisslosigkeit, ihr Engagement und ihre Kreativität. Wir müssen wieder „alternativ handeln“.

Gerd Nickoleit war 1971 der erste Geschäftsführer der Aktion Dritte Welthandel. Nach fünf Jahren Entwicklungshelfertätigkeit im Iran und in Peru war er über 30 Jahre Grundsatzreferent bei der GEPA Fair Handels Company. Er ist Mitbegründer und Ehrenmitglied der World Fair Trade Organisation sowie Mitbegründer und stellvertretender Vorsitzender des Forums Fairer Handel.

Der Artikel erschien bereits in der Zeitschrift der aej "Das Baugerüst" im Sommer 2019!